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Die Kirschblüte in unserem Leben

Eine Kirschblüte schwebt sanft herunter auf die Erde. Ihr Leben ist vorbei, und es ist die Begrenztheit ihrer Existenz, die sie in unseren Augen so wunderschön macht. Wenn wir wüssten, dass die Blüte ewig überleben würde, wäre sie nicht von gleich ergreifender Schönheit und wir würden sie für selbstverständlich halten. Die Existenz der Kirschblüte, ihr kurzes und doch intensiv schönes Dasein gilt auch für unser eigenes Leben.

Die Blüte der Vergänglichkeit, ihre Flüchtigkeit— das ist, warum wir sie zu schätzen wissen. Unser Leben ist ähnlich kurz. Wir haben einen Moment auf diesem Planeten, aber wir vergessen die Vergänglichkeit und denken, wir hätten viele Jahre auf sicher. Wir verplempern viel Zeit. Wenn wir uns an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern, können wir seine sanften Übergänge mit so viel Anerkennung wie eine Kirschblüte zu schätzen lernen.

Das Nicht-Annehmen unserer Vergänglichkeit trägt zu unserem Leiden bei. Wir wollen Dinge möglichst nicht ändern, wir wollen Konstanz und Klarheit, die Dinge so haben, wie wir denken, dass sie für uns gut sind. Und wenn sie es nicht sind, sind wir gestresst, frustriert, enttäuscht. Wir überschätzen uns selber und denken, wir könnten über alles bestimmen, alles planen und dominieren. Wir denken, wir seien unvergänglich. Wir vergessen tendenziell die Dankbarkeit gegenüber allem, was uns zufällt. Und wir vergessen, dass alles im nächsten Moment schon ganz anders sein kann.

Aber was, wenn wir diese Vergänglichkeit akzeptieren, die Realität annehmen, den aktuellen Moment schätzen könnten? Genau so wie wir es mit der Kirschblüte tun? Wir kämen in Frieden mit der Realität. Ganz egal, wie die Realität gerade aussieht. Das hat uns Viktor Frankl vor 70 Jahren schon gelehrt.

Wir können nicht wissen, was das Leben bringen wird, und kontrollieren können wir es trotz ausgeklügelter technischer Hilfsmittel keine Minute.

Alles, was wir tun können, ist möglichst viele Moment bewusst und achtsam zu leben. Zu schätzen, was man gerade in diesem Moment tut. Auch wenn es überhaupt nichts Besonderes ist. Versuchen, das Beste aus allem zu machen: Aus jeder Begegnung, jedem Gespräch, jeder Aufgabe. Hinhören, was das Gegenüber wirklich sagt; das heisst nicht zuhören, um zu antworten, sondern um zu verstehen. Hundertprozentig anwesend sein bei der Person, die gerade vor einem steht. Im Raum, in dem man gerade ist. Wahrnehmen, was zwischen den gesprochenen Worten im Raum noch gesagt oder gezeigt wird. Innere Stille bewahren lernen. Nicht re-agieren. Fokussieren. Offenheit lernen. Das kann man überall tun. Im Strassenverkehr, zuhause, im Büro, in den Ferien. Die Dinge sehen, wie sie sind. Unbewertet, unaufgeregt.

Neben diesen Achtsamkeitstechniken, die in unseren Alltag integriert werden können, sollten wir nicht vergessen, die wichtigen Fragen in unserem Leben präsent zu halten. Wofür sind wir hier? Was haben wir zu geben? Was wollen wir gelernt haben? Was macht uns einzigartig? Was ist uns wirklich, wirklich wichtig in diesem Leben? Stellen wir uns diese Fragen immer wieder und bleiben wir nahe an ihnen dran. Dann können wir nämlich gar nicht mehr vor uns hin-leben, sondern wir leben relevant.

Unerwartete Veränderungen passieren. Dann, wenn wir am wenigsten mit ihnen rechnen. Wir können diesen Veränderungen widerstehen und uns aufregen, laut werden, ungerecht behandelt fühlen, uns verkriechen, jammern, die Anderen beschimpfen, wegrennen, wegschauen. In dem Moment, in welchem wir in Widerstand mit der Realität gehen, haben wir innerlich schon verloren. Das heisst nicht, dass man alles gut finden muss, was gerade passiert — keineswegs! Aber man akzeptiert, wie die Situation gerade ist, und ist in diesem Moment der völligen Annahme auch bereit zu einer aktiven Veränderung. Diese beginnt von innen und wirkt zuerst innerlich und sehr bald auch äusserlich.

In diesem Prozess akzeptieren wir, dass das Leben unberechenbar bleibt, voller Veränderungen, und wir schätzen diese sich ständig verändernde Natur des Lebens als Teil seiner Wunder. Wir wissen, dass wir nichts wissen. Wir surfen amüsiert auf der Welle der Veränderungen mit. Wir geben uns hin. Wir sehen alles etwas leichter und verspielter und nehmen die Dinge, wie sie kommen. Wir bringen uns aktiv ein, haben Ideen und kommunizieren offen. Wir verändern uns und dann unser Umfeld — aber immer im Einklang und Resonanz mit dem, was gerade ist. Verbunden.

Wir beobachten unser Leben, wir beobachten die Kirschblüte und sehen in allem den ewigen Kreislauf des Lebens.

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